Vom Souverän und seiner Macht

Liebe Familie, Freunde und Kollegen,

Einige male schon habe ich Euch belästigt mit dem Begriff der „Internalisierung externer Kosten“, bekanntlich einem roten Tuch für Neoliberalisten.

Aber worum geht es eigentlich?

Einerseits ist da die Philosophie des Liberalismus, die von der Freiheit des Individuums ausgeht.

Das Individuum dürfe tun und lassen, was es wolle, denn durch den Widerstreit der Kräfte, durch die Evolution (survival of the fittest) und durch die Gesetze von Angebot und Nachfrage, also durch alle diese weisen Naturgesetze, die man normalerweise als „der freie Markt“ bezeichnet, werde sich sowieso ein Gleichgewicht einstellen, welches für eine leidliche Weiterexistenz der Menschheit sorge, soweit diese im Interesse des Planeten liege.

Wenn es für den Planeten besser sei, dass die Menschheit aussterbe, auch gut, sagt der Neoliberalist, dann ist das eben unser Schicksal. Eigentlich ist das die Philosophie des Materialismus, die dem Geist keinerlei Entscheidungskompetenz einräumt.

Andererseits ist da die Philosophie, die davon ausgeht, dass es immer einen Souverän gebe, der die Freiheit des Individuums aufgrund seiner Eigenschaft als Souverän beliebig einschränken dürfe. Meist wird diese Einschränkung durch einen Verweis auf das Gemeinwohl gerechtfertigt.

Eigentlich ist das die Philosophie des Idealismus, die davon ausgeht, dass der Geist dazu in der Lage sei, die Umstände so zu beeinflussen, dass sich eine Verbesserung ergebe.

Die „Internalisierung externer Effekte“ ist nun ein Eingriff in die Freiheit des Individuums, den der Souverän anordnet, weil die externen Kosten eben nicht der Allgemeinheit angelastet werden – so wie es der Neoliberalismus fordert – sondern dem Verursacher – so wie es das Verursacherprinzip fordert.

Wir sehen schon, wir kommen hier in die alte Diskussion zwischen dem Begriff der Vorsehung und dem Begriff der Willensfreiheit, die noch immer nicht endgültig entschieden ist – und hoffentlich im Leben nicht endgültig entschieden werden wird.

Und wir kommen zu der Frage, ob das Individuum Verantwortung tragen kann, und inwieweit die Verantwortung dem Individuum vom Souverän abgenommen wird.

Alles alte – uralte – Streitfragen, die nie im Leben endgültig entschieden werden, aber wir können meditieren, wie wir uns den Souverän denn vorstellen.

Dazu hatte ich vor einiger Zeit schon einen Beitrag geschrieben:

Aus christlicher Sicht kann es nur einen einzigen wirklichen, absolut herrschenden, Souverän geben, und das ist Gott, der Vater, der Sohn und der Hl. Geist.

Trotzdem machen wir im Leben die Erfahrung, dass die Souveränität im Sinne einer Hierarchie auf viele Instanzen aufgeteilt ist:

  1. auf die Engel und Dämonen, die nicht so furchterregend sind wie ER
  2. auf die Naturgesetze, deren Erforschung sich die Naturwissenschaft widmet
  3. auf besonders begabte Menschen, die sich einer NATÜRLICHEN Autorität bedienen
  4. auf die Kirche, der ER seinen Hl. Geist gesandt hat
  5. auf Eltern und Ehepartner
  6. auf Lehrer
  7. auf Persönlichkeiten der Politik, der Iurisdiktion, des Managements und sonstiger Haushaltsführung

Manchen meiner Leser wird nicht gefallen, dass ich Politik und Management erst an die letzte Stelle setze, anderen Lesern wird nicht gefallen, dass ich Engel und Dämonen über die Naturgesetze stelle, wieder anderen Lesern wird nicht gefallen, dass ich besonders begabte Menschen (sog. Propheten) ÜBER die Kirche stelle, und den Lehrern unter meinen Lesern wird nicht gefallen, dass ich die Eltern höher setze.

Na ja,

Jedenfalls eine schöne neue Woche

Euer Christoph

P.S.: ich glaube, dass meine Liste ziemlich vollständig ist, bin aber für Anregungen immer noch dankbar

7 Responses to Vom Souverän und seiner Macht

  1. Kardinal Novize Igor sagt:

    Ja, guter Text.

    Nur ein paar Gedankensplitter dazu: Neoliberalismus und Linke werden ununterscheidbar: Wer Verschwörungen der westlichen Oligarchen benennt, wird als „rechtsradikal“ verunglimpft. Linke machen Werbung für Big Pharma. Die Linke will die Meinungsfreiheit abschaffen. (Siehe „Twitter“, cancall culture…) – und spielt damit dem Neoliberalismus in die Hände.

    Jetzt zeigt sich, was ich vor Jahren geschrieben habe: Links, rechts, Neoliberalismus und Sozialismus unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander. ALLE sind sie materialistische Ideologien.

    Das Gegenteil des Neoliberalismus ist also nicht mehr die Linke, sondern der Glaube, die Kirche.

    Nur von Ihr kommt Hoffnung für die Welt.

    Da sind wir also absolut einer Meinung!

    LG KNI

    • Yeti sagt:

      Lieber KNI,

      Darf ich, wieder einmal, mit einem klaren und deutlichen JAIN antworten?

      Einerseits gebe ich Dir natürlich recht, wenn Du meinst, dass der pure, der absolute Materialismus ein Irrtum ist. Und tatsächlich ist der Neoliberalismus in seiner reinen Form nichts Anderes, als eine wirtschaftliche Spielart des Materialismus, so wie der reine, der ursprüngliche Sozialismus, eine soziale Ausformung des Materialismus war.

      Andererseits können wir dem reinen, dem absoluten Idealismus auch nicht unwidersprochen zustimmen, wie ich gleich ausführen werde.

      Weiters, und das ist wirklich wichtig, sind Gott und Kirche zwei verschiedene Paar Schuhe. Die Kirche braucht Gott, aber Gott braucht die Kirche nicht. Gott kann, wenn er will, jeden beliebigen Menschen ganz ohne Zutun der Kirche erlösen.

      Warum wir dem Idealismus nicht 100%ig zustimmen können? Nun, wenn ich meine Liste nocheinmal betrachte, dann stehen da die Naturgesetze ziemlich weit oben.

      Und zu den Naturgesetzen zähle ich zum Beispiel auch die Gesetze der Evolution und die Gesetze von Angebot und Nachfrage, sowie die „goldene Regel“ aus der Bibel: „Was Du nicht willst, dass man Dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu“, oder positiv formuliert als den „kategorischen Imperativ“ von Immanuel Kant.

      Über diesen Gesetzen stehen nur mehr die Gebote Gottes, also die zehn Gebote, die sich bekanntlich im doppelten Liebes-Gebot zusammenfassen lassen.

      Die ganze Macht des menschlichen Geistes, der nach der Philosophie des Idealismus ziemlich mächtig ist, dient nicht dem Wohl der Menschen, und auch die Gesetze der Kirche dienen nicht dem Wohl der Menschen, wenn sie zu diesen übergeordneten Gesetzen – also zu den Naturgesetzen oder zu den Gesetzen Gottes – im Widerspruch stehen.

      Der Materialismus, der sich ja auf die Naturgesetze beruft, hat also doch eine ziemliche Berechtigung, wenn auch keine absolute.

      Meint
      Euer Christoph

      • Kardinal Novize Igor sagt:

        Du meinst also, der „ursprüngliche“ Sozialismus sei zwar Materialismus gewesen, der jetzige nicht?

        Weil du nämlich schreibst: „Und tatsächlich ist der Neoliberalismus in seiner reinen Form nichts Anderes, als eine wirtschaftliche Spielart des Materialismus, so wie der reine, der ursprüngliche Sozialismus, eine soziale Ausformung des Materialismus *war*.“

        Nein, er IST es noch immer, mehr denn je! Schau dir die Gender-Debatte an: Wir leben in einer total sexualisierten Welt, und jetzt sind wir am Zenit der Dummheit angelangt: Man redet den Menschen ein, dass sie ihr Geschlecht selber bestimmen könnten.

        Sozusagen „mit der Macht des Geistes“ – an den sie aber nicht glauben – wollen sie über ihre Chromosomen erhaben sein. Was – auch aus psychotherapeutischer Sicht – völliger Bullshit ist.

        Ist das nun Idealismus? Wenn ja, dann nur in einer paradoxalen Weise. Denn die Reduktion des Menschen auf das Sexuelle ist der reinste Materialismus überhaupt, und dessen Erhebung zum Kult wäre dann „idealistisch“.

        Aber was ist das für ein Kult? Es ist ein satanischer Baalskult, der unseren Geist verwirren will. Es ist also die schlimmste Form des Materialismus überhaupt.

        Oder definierst du Idealismus anders? Dass alles, was irgendwie den Geist ge – oder missbraucht, schon als „Idealismus“ durchgeht?

        Aber dann müsstest du den heutigen Neoliberalismus ebenso als idealistische Ideologie darstellen, weil ja die „Philanthropen“ meinen, dass sie selber Götter seien.

        Aber das tust du dann doch wieder nicht. Hast du hier zwei Definitionen? Offensichtlich. Ich will die Diskussion aber eigentlich gar nicht in die Richtung Definition des Idealismus lenken, weil ja ohnedies klar ist, wozu du das tust: Der Gedanke, dass Sozialismus eben auch eine Sackgasse ist, widerstrebt dir. Irgendwie wünscht du dir, dass Sozialismus eben doch was „besseres“ sei. Und daher arbeitest du mit unsauberen Definitionen des Begriffes „Idealismus“. Und tappst, meiner bescheidenen Meinung nach, in die dialektische Falle, die uns hier gestellt wird.

        Darum bin ich ja auch in meiner Argumentation überhaupt nicht auf die Idealismus – Materialismus Dichotomie eingegangen, sondern ich trenne das Problem an den Fronten „Geist“ und „Welt“.

        Also quasi eine andere Linearkombination!

        Wobei „Welt“ natürlich 80% Materialismus und 20% Idealismus ist, usw.

        Und insoferne hätte eine – ideale – Kirche natürlich auch eine materialistische Elemente, da stimme ich dir zu. Aber sie IST nicht materialistisch, sondern verwendet die Materie als Förderung des Geistes.

        Also nochmals: Materialismus wird dann schlimm, wenn sie den Idealismus missbraucht, um erst recht die Materie (das Geld, das Sexuelle….) ganz oben an die Wertehierarchie zu setzen. Und da sind Sozialismus und Neoliberalismus gleich.

        Es ist also die Frage, wie Idealismus und Materialismus ineinander verschachtelt sind. Wer gebraucht was? Wer missbraucht was?

        Um das herauszufinden, bedarf es der Unterscheidung der Geister, wie Paulus sagt. Es bedarf also des Glaubens. Eben diesen wollen aber BEIDE, Sozialismus und Neoliberalismus, bekämpfen, um uns schön dumm zu halten.

        LG KNI

  2. Yeti sagt:

    Gut analysiert.
    Tatsächlich habe ich eine Beißhemmung gegenüber der SPÖ, weil ich unselbständig Angestellter bin, und bis vor gar nicht allzu langer Zeit war das die einzige Partei, die die Angestellten und Arbeiter der Privatunternehmen vertreten hat.
    Aber, was den Genderwahn betrifft, sehe ich die SPÖ unschuldig, das ist eher eine grüne Idee, so wie ich das sehe.

    Lg
    Yeti

    • Kardinal Novize Igor sagt:

      Dass wir dieGenderei als Wahn sehen, da sind wir uns einig! Warum ich diese Ideologie für extrem gefährlich halte sollte ich bei Gelegenheit noch ausführen. Jedenfalls: Kann sein, dass die Grünen da noch aktiver sind. Aber auch beim VSSTÖ gibt es extrem Radikale…

      Über Idealismus/Materialismus und Kirche sind mir ein paar Gedanken gekommen, dazu werde ich später schreiben. Nur so viel: Das materialistische Element, welches die Kirche braucht, wird wohl ein soziales, aber kein sozialistisches sein.
      Gesegneten 2. Advent!
      LG KNI

  3. Yeti sagt:

    Lieber KNI!

    Laß‘ mich noch einmal zusammenfassen.

    Ausgegangen bin ich vom Gegensatzpaar „Verstaatlichung der externen Kosten“ (wie sie vom Neoliberalismus gewünscht wird) entgegen des „Verursacherprinzips“ (also der von den eher linken Kräften gewünschten „Internalisierung – Privatisierung – externer Kosten“ nach dem Verursacherprinzip).

    Die „Internalisierung externer Kosten“ wäre halt eine – vielleicht sogar DIE – Möglichkeit, umweltfreundliches Verhalten zu belohnen und Umweltverschmutzung zu bestrafen.

    Ich bin dabei aber der didaktischen Versuchung erlegen, dieses Gegensatzpaar mit dem Gegensatz „Materialismus“ gegen „Idealismus“ gleichzusetzen, was vielleicht nicht ganz glücklich gewählt war, aber naheliegend, da Materialismus und Idealismus die beiden wichtigsten Strömungen in der Philosophie seit den alten Griechen – oder noch länger – waren.

    Meine oben genannte „Gesetzeshierarchie“ von den 10 Geboten über die Naturgesetze bis hin zu den Anweisungen der Eltern und Lehrer, sowie anderer Haushaltsvorstände, gibt mir aber ohnehin die Möglichkeit, mich diesem Thema auf einfache Weise zu widmen.

    Denn es ist eher eine Frage, ob Privathaushalte – und auch Privatfirmen – komplett autonom agieren dürfen, und das auch rücksichtslos gegenüber der Umwelt – wie es der Neoliberalismus fordert – oder ob es über dem Privathaushalt – bzw. über der Privatfirma – nicht noch eine Instanz gibt, die dem Treiben der Neoliberalisten Einhalt gebieten kann.

    Spätestens die Naturgesetze werden das tun, wenn die Menschheit vom Planeten verjagd wird, und es ist die Frage, ob sich dazwischen noch eine Instanz findet, die dem Ganzen füher Einhalt gebietet – Propheten?, die Kirche?, die Mama oder die Ehefrau vom Bill Gates? Lehrer, denen Bill Gates vertraut (er liest angeblich jedes eine ganze Menge Bücher)? Der Staat (das wäre am besten, aber ich traue das den Politikern, ehrlich gesagt nicht zu).

    Meint
    Euer Christoph

    • Kardinal Novize Igor sagt:

      Die Internalisierung der Umweltkosten ist für mich eher eine praktische Frage. Ich habe halt den Verdacht, dass es hier nicht um Umweltschutz geht, sondern um die Enteignung des Mittelstands.

      Dh. wenn wir über die Umwelt reden, wäre es besser, dies konkret zu tun. Erdöl? CO2? Lithiumabbau? Die Wirtschaftstheorie kann diese Probleme ja nur formalisieren und merkt nicht, wann sie tautologisch wird.
      LG KNI

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