In eigener Sache

Vorgeschichte

Und wieder einmal hatte Veronika recht. Als sie sagte „Du nimmst dich zu wichtig“, schluckte Walter seine Erwiderung einfach hinunter und drehte sich zurück zu seinem Flachbildmonitor. Ihm wäre ohnehin nichts eingefallen.

Aber wie hatte das Alles begonnen?

Ich wurde im Sommer 1969 geboren, ja da hatte alles begonnen. Nein, eigentlich hatte es viel früher begonnen, aber jetzt leben wir in einer gespaltenen Welt.

Keiner weiß mehr genau warum, aber bei uns gibt es „die Grünen“ und „die Blauen“. Man könnte sagen, es sind zwei Geisteshaltungen, das wäre ja noch erträglich, aber dann gibt es immer wieder diese „Zimmerkommandanten“.

Was sind typische „Zimmerkommandanten“? Damit meine ich Familienväter, Firmenbosse, Parteichefs, Religionsführer und dergleichen, wenn sie ein ausgesprochenes „wir und die anderen“-Bewußtsein an den Tag legen. Immer wieder fragen sie dich: „Auf welcher Seite stehst du?“ und sie drängen: „Entscheide dich!“

Diese Leute haben zu allem und jedem eine Meinung und können immer blitzartig Entscheidungen treffen. Es gibt nichts Wichtigeres außer sie selber, zumindest für sie selber, und sie sind immer und überall vorbildlich.

Und ja, wegen dieser „vorbildlichen“ Menschen sind die Farben Grün und Blau nicht nur Geisteshaltungen, sondern richtiggehende Blöcke geworden. Man könnte auch sagen, Grün und Blau sind die beiden Sessel, zwischen die sich zu setzen jeder Angst hat.

Ich glaube, genau um diese Angst dreht es sich.

Jeder muß sich entscheiden:

    • grüne Familie oder blaue Familie?
    • grüne Firma oder blaue Firma?
    • grünes Parteibuch oder blaues Parteibuch?
    • grüne Religion oder blaue Religion?
    • grüne Regeln oder blaue Regeln?

Ja, und wenn man sich nicht entscheiden <will>, dann hat man eben diese Scheiß-Angst, daß man zwischen den Sesseln sitzenbleibt.

Dabei ist es überaus wichtig, daß es auch diese „Löcher in der Mauer“ gibt, diese „Schwachstellen“, diese „Leaks“. Denn Mauern bauen Spannungen auf, Schwachstellen bauen Spannungen ab, und ist das Leben nicht ein ewiger Zyklus zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Kraft und Schwäche, zwischen Siegen und Verlieren?

Die erste Frau

1.

Nachdem Walter seinen Tagebucheintrag geschrieben hatte, lud er das Ergebnis auf seine Homepage hoch.

Manchmal fragte er sich, warum er das tat, denn die Statistik zeigte ihm, daß durchschnittlich höchstens fünf Leute am Tag seine Homepage besuchten.

Dennoch war da ein prinzipieller Unterschied zwischen „öffentlich“ und „privat“, der mehr in ihm selber begründet war. Er hatte eine unsägliche Angst, daß irgend jemand, der ihm nicht so wohlgesinnt war, seine privaten Gedanken gegen ihn verwenden könnte. Andererseits mußte er seine Gedanken irgendwie „loswerden“. Und das Internet hörte zumindest geduldig zu.

Das Internet gab ihm schließlich auch die Möglichkeit, mehr oder weniger anonym seine Gedanken von sich zu geben, was ihm sehr entgegenkam. So war er zumindest vor Nachstellungen durch Privatpersonen geschützt, und mit dem Staat an sich legte er sich ja doch nicht an – das könnte trotz Quasi-Anonymität schlecht ausgehen, wie er wußte.

Sein größter Schutz war natürlich seine Unwichtigkeit. „Bevor der Big Brother wegen dir Überstunden macht, geht er lieber mit der Big Sister auf ein gutes Abendessen und macht sich einen schönen Abend“, hatte ihm ein netter Kollege einmal gesagt.

Damals – Walter war etwa 38 Jahre alt – humpelte das Internet noch wie ein einbeiniger Pirat durch die Welt und es dauerte mehrere zig Sekunden, bis der jeweilige Beitrag für das Tagebuch hochgeladen war.

Das gab ihm die Möglichkeit, in Ruhe über das Geschriebene nachzudenken und bei Bedarf nochmal nachzubessern.

Ja, Veronika hatte recht, er nahm sich zu wichtig, aber andererseits war seine Geschichte es durchaus wert, für die Nachwelt aufgehoben zu werden. Die Jahrzehnte würden es weisen, dachte er sich.

So zurückgeworfen auf die eigene Problematik der Unwichtigkeit, machte er sich daran, schön langsam hinüberzudämmern in jene bessere nächtliche Welt, in der wir alle Parameter im Griff haben, und dennoch glauben, „es passiert“ uns ein Erlebnis.

Im Traum bekommen wir „von außen“ ein Feed Back, das in Wirklichkeit „von innen“ kommt. Walter hätte gerne dieses „Feed Back der Seele“ interpretiert, doch leider – oder Gott sei Dank – konnte er sich in den allermeisten Fällen am nächsten Tag nicht mehr an seine Träume erinnern.

Diese Ungewissheit – hatte er Albträume oder war im Traum alles mehr oder weniger „himmelblau“ – spiegelte seine eigene Zerrissenheit wider.

War er ein „braver Familienvater“ oder ein „Rebell“?

Tat er „nur seine Pflicht“ oder „wuchs er über sich selbst hinaus und vollbrachte Heldentaten“?

War er ein „Häuptling“ oder ein „Indianer“?

Er wußte es nicht – wie er so vieles nicht wußte – und es blieb ihm für diesen Tag nur die Flucht in den Schlaf.

Mehr gibt’s hier

https://letztersein.com/drehbuchseite

 

Meint

Euer Christoph

2 Responses to In eigener Sache

  1. Kardinal Novize Igor sagt:

    Ad „Zimmerkommandanten“: Warum ausgerechnet Familienväter?

    Ich habe eher die Erfahrung gemacht, dass Familienväter, vor allem von Jungfamilien, mit dem Nachwuchs (und der Frau) beschäftigt sind, und daher schlicht keine Zeit für ideologischen Überbau haben.

    LG KNI

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