Die Inflation des Sinnlichen

@KNI hat mir heute erzählt, dass es einen bekannten Geschichtsanalytiker gegeben hat, der behauptete, der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit sei dadurch gekennzeichnet gewesen, dass man sich auf die „Nichtexistenz der Universalien“ geeinigt hatte – also auf den Übergang zu den „Realien“. Das Reale, das Sinnliche, sei das Wesen der Neuzeit und ihrer Wissenschaften.

Nun wäre der Übergang von der Neuzeit zu dem Zeitalter, das JETZT unzweifelhaft heranbricht, dadurch gekennzeichnet, dass wir – wegen Relativitätstheorie und Quantenphysik – auch die Realien als etwas Nichtexistentes erkennen.

Ich denke, dass das einhergeht mit einer Inflation des Sinnlichen.

Mit Hilfe der VR-Technologien können wir unseren Sinnen beinahe beliebige Wirklichkeiten vorgaukeln und es wird immer billiger.

In den sozialen Medien entstehen Wirklichkeitsblasen, die nichts mehr zu tun haben mit der wirklichen Wirklichkeit.

Glauben wir noch an die Wirklichkeit oder sind wir dem Markt der Virtualitäten ausgeliefert?

Wenn Du Dich in einen Menschen verliebst, verliebst Du Dich in sein wirkliches Ich, also in seine Seele? Oder begnügst Du Dich mit dem Mister Right und seinen Äußerlichkeiten?

Worauf baust Du Dein Selbstvertrauen? Auf Deine wirkliche Wirklichkeit (also Deine Seele) oder auf Deine – kontingenten – Eigenschaften?

Ist der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ein Übergang vom Geist zum Körper, so hoffen wir, dass der jetzt stattfindende Übergang ein Übergang vom Körper zur Seele sein wird.

Vom Geistigen (Schicht 6) über das Körperlich-Sinnliche (Schichten 5 – 0) zum Seelischen (Schicht -1).

Meint
Euer Christoph

16 Responses to Die Inflation des Sinnlichen

  1. rotegraefin sagt:

    Der Rabbi spricht:
    “Wenn einer Führer wird,
    müssen alle nötigen Dinge da sein,
    ein Lehrhaus, Zimmer, Tische und Stühle,
    und einer wird Verwalter,
    und einer wird Diener und so fort.
    Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktchen heraus,
    aber alles andere bleibt wie zuvor.
    Das Rad dreht sich weiter,
    nur das innerste Pünktchen fehlt.”
    Der Rabbi hob die Stimme:
    “Aber Gott helfe uns: man darf’s nicht geschehen lassen!”

    Meister Eckhart schreibt:
    “Wer ein gutes Leben beginnen will,
    sollte tun wie einer, der einen Kreis zieht.
    Hat er den Mittelpunkt des Zirkels gut angesetzt und steht er fest,
    so wird die Kreislinie gut.
    Der Mensch lerne also zuerst,
    dass sein Herz festhalte an Gott
    und so an allem Guten und an allen Werken des Guten.
    Denn täte ein Mensch auch große Werke,
    sein Herz aber wäre unstet,
    es hülfe ihm wenig oder nichts.”

  2. Kardinal Novize Igor sagt:

    @Yeti: Sehe ich sehr ähnlich.

    ad VR: Wir haben einerseits Realien, die nicht mehr vorstellbar sind, zb. Elementarteilchen, andererseits „Virtualien“, die zwar sinnlich erfassbar, aber nicht real sind. Das hat zwar auch schon für Romane etc gegolten (oder deren Protagonisten), aber die tatsächliche sinnliche Stimulation ist freilich neu.

    ad Geist-Seele: Ich kann den Unterschied zwischen diesen beiden nicht wirklich ausmachen. Oftmals kommt es mir so vor, als würde man das „seelische“ als das Höherstehende betrachten, das „geistige“ als etwas Subalternes.

    Jesus sagt aber:“Es wird die Zeit kommen,….da werden meine Jünger den Vater anbeten in GEIST und Wahrheit.“

    Egon Friedell wieder spricht von der „Seele des Mittelalters“.

    Vielleicht ist es also gerade umgekehrt: Dass wir (die Menschheit?) uns von Seele zu Körper zu Geist entwickeln? Vielleicht sollten wir uns über diese Begriffe auch noch klarer werden.

    LG KNI

  3. Yeti sagt:

    Also, dass es vielleicht umgekehr sein könnte (Seele –> Körper –> Geist anstatt Geist –> Körper –> Seele), das möchte ich nicht bestreiten, das könnte tatsächlich sein.

    Dennoch möchte ich ein paar Worte ergänzen, um meinen Begriff von „Seele“ ein wenig klarer herauszuarbeiten.

    In der Informatik reden wir oft von Schichten. Dabei meinen wir, dass die oberen Schichten auf die unteren Schichten AUFBAUEN.

    Man kann nicht den ersten Stock eines Hauses bauen, BEVOR man die Mauern des Erdgeschoßes hochgezogen hat.

    Genauso kann ETWAS keinen menschlichen Körper bekommen, bevor es AN SICH ein Mensch ist.

    Und ein menschlicher Körper – insbesondere ein menschliches Gehirn – ist die notwendige Voraussetzung für menschlichen Geist.

    Darum ist die Schichtung
    Seele (Wesen) <= Körper <= Sinne <= Geist

    Wenn es keine Seele gibt, kann es keinen Körper geben, aber aus der Existenz eines menschlichen Körpers können wir auf eine menschliche Seele schließen.

    Wenn es keinen Körper gibt, dann kann es keine Sinne geben, aber aus der Existenz menschlicher Sinne können wir auf einen menschlichen Körper schließen.

    Wenn es keine Sinne gibt, dann kann es keinen Geist geben, aber aus der Existenz menschlichen Geistes können wir auf menschliche Sinne schließen.

  4. Yeti sagt:

    Insoferne ist die Seele sozusagen der „Keller“ des Menschen, das „Große Archiv Gottes“ (GAG). Und weil die Seele noch unter dem Körper liegt, kann sie auch ohne diesen existieren

  5. Yeti sagt:

    Was für den Geist nicht gilt

  6. Kardinal Novize Igor sagt:

    Ein paar ungeordnete Gedanken dazu:

    Körper gibt es auch ohne Seele (zb Heizkörper, Roboter…) – meinst du eher das Bewusstsein eines Körpers, für das man Seele braucht?

    Mir scheint, dass der Geist, auch nach deiner Definition, keine Sinne braucht. Ich kann mir einen Menschen vorstellen, der taub, blind und gespürlos ist, aber trotzdem Geist hat.

    Ich glaube, die Vorstellung der Schichtungen unseres Daseins sind auch subjektiv. Für mich geht das so:

    Gott => Mensch; Körper

    Gott => Mensch; Seele

    Körper => Geist Körper => Geist <=Seele <=Gott

    Gott als das alpha und omega!

    LG KNI

  7. Kardinal Novize Igor sagt:

    Nein falsch sorry, copy paste Fehler 🙂

    Gott => Körper => Geist <=Seele <=Gott

    jetzt passts

  8. Kardinal Novize Igor sagt:

    Man könnte bei „Geist“ noch einen Vertikal-Vektor anbringen:

    Hl. Geist => Geist

  9. Kardinal Novize Igor sagt:

    Also der Geist als Schnittstelle zw Seele und Körper…

  10. Yeti sagt:

    Wie gesagt, mein Modell orientiert sich an Schichtbildungen, wie sie in der Informatik üblich sind. Es sei Dir unbenommen, andere Bilder zu verwenden, wenn Du diese besser verstehst.

    ICH verstehe Deine Bilder NICHT.

    Es sind eh immer alles nur Bilder, die sich am Auditorium orientieren müssen.

    Mit => meine ich übrigens den mathematischen Begriff einer „Implikation“. Also ein „daraus folgt“.

    Am „spitzen“ Ende einer Implikation steht die „notwendige“ Bedingung, an ihrem Schaft steht die „hinreichende“ Bedingung.

    Wenn man die „Seele“ als das „Wesen“ eines Dinges ansieht – was meinem Begriff von Seele entspricht – dann ist das „Wesen“ eine notwendige Voraussetzung für die Existenz des Körpers und des Geistes.

    So, wie auch Gott für einen gläubigen Menschen die notwendige Voraussetzung für die Schöpfung ist:

    Gott <= Schöpfung

    Aus der Schöpfung kann ich auf Gott schließen. Nur, weil es Gott gibt, heisst das noch lange nicht, dass es eine Schöpfung geben muss.

    Nach meinem Bild hat auch ein Heizkörper eine Seele – eine "Dingseele" -, er hat aber keinen Geist.

    Nach meinem Bild gibt es ohne Sinne keinen Geist, sehr wohl aber eine Seele und die ihr innewohnenden Menschenrechte.

    Menschenrechte sind nicht vom Geist abhängig. Es muss sich nur "dem Wesen nach" um einen Menschen handeln, damit die Menschenrechte anwendbar sind.

    Meint
    Euer Christoph

    P.S.: vielleicht verwendest Du das Wort "Geist" für die Dinge, die ich mit "Seele" bezeichne und das Wort "Intelligenz" für die Dinge, die ich mit "Geist" bezeichne (im Sinne von "geistreich")

  11. Yeti sagt:

    Mit meinem Schichtmodell könnte man auch sagen, dass das Seelische in „Schicht -1“ alles das ist, was sich „ausserhalb von Raum und Zeit“ befindet, da Raum und Zeit – Raumzeit – ja ein physikalischer Begriff aus der „Schicht 0“ ist, und somit in „Schicht -1“ nicht verfügbar.

    Ziemlich am untersten Ende aller Sinne – also etwa in „Schicht 1“ – liegt dann das „Selbstbewusstsein“, welches die Basis jeder sinnlichen und geistigen Betätigung darstellt.

    Nach meinem Bild ist Selbstbewusstsein die „Erkenntnis, wie die Zeit vergeht und ich trotzdem an mein eigenes Bestehen glaube, zumindest darauf hoffe“.

    Wir alle wünschen uns ein großes Selbstbewußtsein, wenn wir dereinst dem Tod ins Auge blicken müssen.

  12. Yeti sagt:

    Ich werde nocheinmal das letzte Kapitel aus meinem zehnten religiösen Büchlein posten. Viellicht muss man das wirklich nochmal diskutieren, weil vielleicht noch viele Fehler drinnen sind.

  13. […] Ergänzung zu dem Posting „Die Inflation des Sinnlichen“ hier nocheinmal das letzte Kapitel aus dem „Zehnten religiösen […]

  14. Yeti sagt:

    Das letzte Kapitel aus dem „zehnten religiösen Büchlein“ ist jetzt hier nochmal veröffentlicht:
    https://letztersein.wordpress.com/2018/07/29/ergaenzung-der-mensch/

    Und ich bitte, diese Sachen an jener Stelle auszudiskutieren…….

  15. […] Die Inflation des Sinnlichen […]

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