Top down, Bottom up

Vor langer Zeit hat einmal ein dummer Junge folgendes Bild zum Thema „DIGITS und die Anwendungen“ verbrochen:

topbottom

Der Gedanke dahinter war, dass man – ausgehend von einer fiktiven Existenz von DIGITS – sich Gedanken über mögliche Anwendungen machen könnte – sozusagen Top down.

Andererseits ist DIGITS aber eine äußerst kostspielige Angelegenheit und muss sich erst zitzerlweise durch die Anwendungen finanzieren – Bottom up.

Lustig ist in diesem Zusammenhang, dass die Begriffe „Top“ und „Bottom“ hier eigentlich kervehrt verwendet werden, da ja in den üblichen Begriffen von Software- und Netzwerkschichten DIGITS eher einer unteren Schicht zuzuordnen ist und die Anwendungen eher einer oberen Schicht.

Jetzt könnte man trefflich ins Philosophieren kommen, wer hier wen „verursacht“ bzw. „ernährt“. Die Oberschicht die Unterschicht oder die Unterschicht die Oberschicht.

Aus Sicht von DIGITS ist SrrTrains übrigens eine einzige mögliche Anwendung von vielen.

Möchte nur wissen, wie SrrTrains DIGITS ernähren soll, wenn es nicht einmal selber lebensfähig ist 🙂

Aber eigentlich wollte ich ja heute über einen anderen, wenn auch ähnlichen, Kreislauf schreiben

deduktion

In den empirischen Wissenschaften spricht man davon, dass man ausgehend von Erfahrungstatsachen, in einem kreativen Prozess durch sogenannte Induktion ein allgemeines Gesetz (er-)findet, aus welchem man schließlich durch reine logische Schlussfolgerung wieder Einzelfälle vorhersagen kann (Deduktion).

Solange alle Vorhersagen eintreffen, kann man davon ausgehen, dass das allgemeine Gesetz gültig ist, also die „zur Zeit anerkannte Theorie“ darstellt.

Diese Anordnung läßt natürlich jede Menge Schlupflöcher offen für unser allseits beliebtes „kreatives Chaos“.

Denn einerseits können unterschiedliche kreative Köpfe unterschiedliche allgemeine Gesetze zu denselben Tatsachen induzieren (er-finden).

Andererseits hat auch die Deduktion ihre Grenzen.

Wenn man aus einem allgemeinen Gesetz durch „rein logische Schlussfolgerung“ auf einen Einzelfall schliesst, dann heisst das ja, dass man zuvor die „Gesetze der Logik“ als wahr anerkennen muss.

Das ist aber nicht a priori gegeben.

Was ist, wenn jemand der Deduktion keinen Glauben schenkt, weil ihm der Deduzent einfach suspekt ist?

Oder wenn er nicht genügend geistige Kapazität hat, um die „Gesetze der Logik“ überhaupt anzuwenden?

Oder wenn ihm seine Eltern eine „gänzlich andere“ Logik beigebracht haben?

Oder wenn eine Glaubenstatsache dagegen spricht?

Kein ernstzunehmender Atheist würde bezweifeln, dass eine Hostie zwischen Wandlung und Kommunion einfach ein Stück Brot ist.

Aber da gibt es einige unbeugsame Barbaren, die die Gesetze der Logik zum Teufel jagen und darauf bestehen, dass das eben KEIN Brot ist.

Und wie ist das jetzt mit den sogenannten „absoluten“ Wahrheiten? „absolutus“ heißt auf Lateinisch „uneingeschränkt“, „losgelöst“, also sozusagen losgelöst von den Umständen IMMER und ÜBERALL gültig.

Wobei es hier noch eine zusätzliche Feinheit gibt:

Wenn wir nämlich einmal davon ausgehen, dass Wahrheit immer eine Eigenschaft eines Satzes ist, dass man also den Begriff Wahrheit nicht denken kann ohne den Begriff eines Satzes, auf den sich die Wahrheitseigenschaft bezieht,

dann haben wir mit dem Umstand zu tun, dass ein Satz von einem JEMAND entweder GESENDET (gesprochen, geschrieben) oder EMPFANGEN (gehört, gelesen) werden kann.

Von einer ABSOLUTEN Wahrheit müßte man nun fordern, dass der Satz auf den sie sich bezieht, IMMER UND ÜBERALL wahr ist, ganz egal, WER ihn SENDET und/oder WER ihn EMPFÄNGT.

Für einen braven Katholiken ist es jetzt also eine absolute Wahrheit, dass eine Hostie zwischen Wandlung und Kommunion KEIN Brot ist, für einen braven Atheisten hingegen ist das eine absolute Falschheit, denn für ihn ist es definitiv Brot.

Man ist geneigt zu sagen: hoffentlich gibt es bitte nicht allzuviele „brave“ Menschen, denn sonst ist der totale Krieg unausweichlich.

Der Trick ist eben das Wort „für“.

„Für“ einen braven Katholiken ist dies eine absolute Wahrheit, „für“ einen braven Atheisten ist jenes (das Gegenteil) eine absolute Wahrheit.

Ein logischer Widerspruch, den wir nur mit Hilfe von Toleranz, Einfühlsamkeit und Kompromissbereitschaft lösen können.

Denn der brave Katholik muss es halt akzeptieren, dass „seine“ absolute Wahrheit „in Wirklichkeit“ gar keine absolute Wahrheit ist, sondern nur „für ihn“.

Er soll sich selbst nicht für „die Wirklichkeit“ halten, denn auch er lebt nur in „(s)einer Virtuellen Realität (VR)“.

Das muss jetzt nicht heissen, dass es „überhaupt keine Realität“ gibt, nein, ich meine nur, dass wir alle nur „durch unsere voreingenommene VR“ einen Blick auf die „wirkliche“ „Wirklichkeit“ erhaschen, dass wir nur ein „Modell der Wirklichkeit“ in unserem Kopf haben.

Ist übrigens keine neue Erkenntnis, siehe Höhlengleichnis, und auch Kohelet hat ja schon gesagt: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“.

Was wieder einen schönen abgerundeten Schluß ergibt.

Meint
Euer Christoph

16 Responses to Top down, Bottom up

  1. PinkPanther sagt:

    Schön zusammengefasst, ich hab dazu ein paar kleine Anmerkungen:
    Der logische Widerspruch muss nicht zum Krieg führen, wenn man in diesem Fall die unlogische Sichtweise zulässt, dass beides sein kann. Am Beispiel der gewandelten Hostie: die ist für mich sowohl Leib Christi als AUCH ein Brot – zumindest in meiner Logik. Ich sehe da keinen Widerspruch, sondern eher „Wahrnehmungsfilter“, die nur einen Teil des Ganzen zulassen. Das geht m.E. über Kompromiss weit hinaus,

    Zur wissenschaftlichen Theorei und Experiment kkann ich noch beisteuern, dass es auch in verschiedenen Wissenschaften unterschiedliche Wissenscahftsbegriffe zu geben scheint. In den Sozialwissenschaften ist z.B. auch die empirische Einzelfallstudie sehr bedeutend, da wird also nicht nur theoretisch/logisch deduziert.
    Das „kreative Chaos“ ist dort besonders verbreitet, weil es eben mehr unterschiedliche Hypothesen für dieselben Sachverhalte gibt als z.B. in den Naturwissenschaften.
    In gewisser Weise scheint die Abhängigkeit der „Wahrheit“ vom Beobachter hier die prinzipielle Unmöglichkeit auszudrücken, Beobachter und beobachtetes Sytem strikt zu trennen.

  2. Yeti sagt:

    Genau, der Beobachter beeinflusst immer das System, das er beobachtet, deswegen wird jede Beobachtung (bzw. Messung) immer subjektiv sein.

    Aber eine wichtige Frage ist dennoch die, ob wir glauben, dass es jenseits aller (subjektiven) Beobachtungen so etwas wie eine (objektive) Wirklichkeit gibt, die wir aber in die Hände Gottes legen müssen (so wir gläubig sind).

    Ich finde es übrigens lustig, dass wir uns über dieses Thema hier bereits einmal Gedanken gemacht haben, und dass ich als Ausgangspunkt die Systemarchitektur verwendet habe, die dem SMUOS/C3P – Gedanken zugrunde liegt (das ist jetzt nur etwas für Kenner des SrrTrains Projektes, t’schuldige).

    Hier haben wir also verschiedene „Szeneninstanzen“ (SI), die verschiedenen Usern ermöglichen, an einer „SMUOS“ (Simple Multiuser Online Scene) teilzunehmen, wobei manche User eine „virtuelle“ Instanz „bewohnen“ (SI > 0), andere die „Wirklichkeit“ (SI = 0).

    Each scene instance can be inhabited by more than one user.
    Each user can inhabit more than one scene instance
    The scene instances synchronize themselves via the connectivity platform (CP).
    C3P connects the connectivity platform with the scene instances, in a star environment.

    Kernsatz ist wahrscheinlich dieser: N scene instances virtually represent an interactive, animated scene, that is a representation of a subset of the reality.

    One – and only one – scene instance is a subset of the reality. It must be clear that the subset of the reality – in scene instance 0 – and the representations of the subset of the reality may not be 100% aligned.
    This is due to the fact, that not everything (every state, every shape, every collateral entity of the subset of the reality, etc.) can be modeled in the representation 100% correctly, nor can it be kept synchronous with the reality in a 100% correct manner.

    Lg
    Christoph

  3. Yeti sagt:

    Und zum Beispiel mit der Hostie: Deine Argumentation ist sehr „katholisch“, weil sie sich des „sowohl-als-auch“ bedient.

    Das erinnert mich daran, dass Jesus laut biblischem Bericht gesagt hat: „Das ist mein Leib!“, er hat jedoch nicht gesagt: „Das ist nur mein Leib!“.

    Sehr katholisch gedacht, danke.

  4. Kardinal Novize Igor sagt:

    Zum Thema „Wahrheit“: ich glaube nicht, dass die Wahrheit unsere Sätze braucht. Wir brauchen Sätze, um Wahrheit approximativ zu erfassen.

    Problem an den Sätzen: Sie sind „durchsichtig“, nicht absolut, sie ändern ihre Bedeutung je nach Hintergrund. Mag sein, dass manche Sätze die Wahrheit recht gut fassen; die Wahrheit selbst tangiert das jedoch nicht (siehe Kant).

    Was bedeutet, dass es eine Wahrheit durchaus geben kann, unabhängig von unserem Fassungsvermögen…..

    …..das ist dann wohl Glaubenssache : „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“

    bevor über die Wahrheit diskutiert wird, wäre eine Erörterung dieses Begriffes nicht schlecht, sonst wirds salbungsvoll. Ich unterscheide zwischen einer pragmatischen Wahrheit, dass ich zb. glaube, diese oder jene Zeitungsmeldung stimmt, oder dass der Großglockner der höchste Berg Österreichs ist, usw,

    und zwischen der metaphysischen Wahrheit, welche unschärfer konturiert, nicht von irgendwelchen Detailinformationen abhängt, sondern unbeweisbar die höchsten Diinge betrifft. Sofern wir von einer unbeweglichen, absoluten Wahrheit sprechen, meine ich nun nur diese. Womit nicht gesagt, sondern nur gesetzt sein soll, dass es eine solche absolute Wahrheit gebe.

    Diese Wahrheit mag nun mit dem eigenen Selbst zusammen fallen: Wenigstens dieses müssen wir absolut setzen: „Ich lebe“ – und gerade dann, wenn sich Wahrheit aus der Perspektive des Einzelnen bilden soll. Es heisst ja auch: Wer sich selbst findet, findet Gott. So bleibt mir, gerade um den eigenen Wert und den das Anderen richtig zu achten, nichts anderes als eine gewisse Annahme des Absoluten übrig. Erst daraus wird sich überhaupt erst die Achtung vor der Bewusstheit anderer perspektiven ableiten können.

    …..praktische Relevanz: dem Individuum bleibt ohnedies nichts anderes übrig, als die seine, nämlich jene durch Wahrheit absolut zu setzen – oder er hat überhaupt keine Wahrheit.

    LG KNI

  5. Yeti sagt:

    @KNI

    Ich möchte gerne zweierlei antworten.

    Einerseits merke ich, dass Du meinen Worten einen gewissen Relativismus entnimmst, den Du mit dem Setzen einer absoluten Wahrheit entgegenwirkst.

    Doch eigentlich habe ich nur einen anderen Begriff verwendet. Ich habe statt des Begriffs „Wahrheit“ den Begriff „objektive Wirklichkeit“ verwendet und – eigentlich genauso wie Du – festgestellt, dass die objektive Wirklichkeit – so es sie gibt, an die wir glauben – sich eigentlich unserem Fassungsvermögen entzieht.

    Gleichzeitig, und das ist nun der zweite Teil der Antwort, muss wahrscheinlich jedes Individuum die eigene Wahrheit einiger Maßen absolut setzen, denn letzten Endes löst man sich selber auf, wenn man die eigene(n) Wahrheite(n) von Grund auf anzweifelt.

    Ich denke aber, dass ein gewisses Maß Skepsis dennoch sein muss, die eigenen Ansichten immer wieder zu hinterfragen und auf Ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen.

    Sozusagen in einem „Audit-Prozess“ immer wieder überprüfen, ob „im Gehirn eh noch alles zusammenpasst“. Man könnte auch „Gewissen“ dazu sagen.

    Meint
    Euer Christoph

  6. Kardinal Novize Igor sagt:

    Die Worte wogen also gleich den Wellen hin und her, und zerstieben an der Brandung der Erkenntnis! *ggg*!

    Wenn Worte „Gewicht“ haben, so haben sie auch metaphorische Trägheit, und kommen selten in der Mitte zu stehen….hm…..

    …langer Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin ein Skepsis-Fan! Muss ich ja sein! Wie oft täuscht man sich an Dingen, Sachverhalten, der eigenen Logik, ja sogar in geliebten Menschen?

    Ich wollte mit meiner Aufspaltung der Wahrheitsbegriffe eben auch hier eine geeignte Disposition schaffen. Da: die Wahrheit, die sich anzweifeln kann, ud daher auch anzweifeln muss, bleibt einem gar nichts anderes übrig,
    dort die Wahrheit, die so intim ist, dass sie mit „eigenes Selbst“ nur unzureichend beschrieben ist! – und daher absolut gehalten werden muss- oder ich verliere dieses „selbst!“ (und jetzt renne ich ja schon offene Türen ein…..*ggg*!)….

    …..vielleicht geht es also darum, einen Trennstrich zwischen diesen beiden Wahrheiten/Wirklichkeiten zu ziehen,….womit wir nun anscheinend eine gute Begriffserklärung gefunden haben! Dadurch bleibt sowohl der „absoluten“ wie auch der „relativen“ Perspektive ein Plätzchen!

    Und wie wäre denn dann der trennstrich zu ziehen? So, dass bei aller Intimität und gewissheit des Selbst, aller Raum zu grundlegendster Skepsis (-und innerer Distanz) bleibt, und das eine nicht das andere – aufgrund der Begriffsverwirrung- behindert und einschneidet…..

    ……und so schwappen die Wogen meiner Worte, und, um nachsicht bittend, vermutlich wieder übers Ziel hinaus!

    LG KNI

  7. Yeti sagt:

    @KNI: Hmmmmm, ich befürchte, wir werden mit diesem Blog wieder einmal die Weltmeisterschaft der „harmonie-bedürftigen Sowohl-als-auch-Argumentation“ gewinnen.

    Also, lass mich zusammenfassen, und wenn es dann keinen Widerspruch mehr gibt, dann bleiben wir halt dabei, dass wir hier eine absolute Wahrheit formuliert haben, zumindest absolut im kleinen Kreise dieses Blogs.

    A) Wir glauben an eine Wirklichkeit/Wahrheit. Die Wirklichkeit/Wahrheit existiert ohne unser zutun. Sie läßt sich nicht absolut erfassen.

    B) Es gibt verschiedene Modelle der einen Wirklichkeit/Wahrheit, die mehr oder weniger zutreffen.

    C) Modelle der Wirklichkeit/Wahrheit werden einerseits von Institutionen wie der Kirche oder der Wissenschaft angeboten, wobei sich unterschiedliche Institutionen auf unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit/Wahrheit spezialisiert haben,

    D) Andererseits hat auch jedes Individuum Modelle der Wirklichkeit/Wahrheit in seinem Kopf, die sich meistens von Modellen der Institutionen herleiten, aber auch durch persönliche Erfahrungen und Lehrmeister gefärbt sind.

    E) Jede Person hat in ihrem innersten eine geheimnisvolle Möglichkeit, mit der Wirklichkeit/Wahrheit direkt in Kontakt zu treten, ohne sich eines Modells zu bedienen. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die Person ja auch ein Teil der Wirklichkeit/Wahrheit ist.

    Meint
    Euer Christoph

  8. Kardinal Novize Igor sagt:

    Poah, ey!

    Schon wieder eine Rückbezüglichkeit! (bzgl der Einleitung!)

    Nein, ich glaube nicht, hier irgendwo „absolut Wahres“ von mir gegeben zu haben, aber so eine Art persönliche Staubsaugergebrauchsanweisung, wobei: der Staubsauger ist in diesem Fall die Satzfindung von Wahrheiten.

    Mit Punkten A-E stimme ich aber überein.

    LG KNI

  9. Yeti sagt:

    Ja, wenn wir hier also keinen Widerspruch erhalten, dann haben wir mit den Punkten A – E also so etwas ähnliches wie eine absolute Wahrheit formuliert,

    zumindest relativ zu diesem Blog einigermaßen absolut 😉

    Wenn ich mich da an den ersten Versuch erinnere, diese Wahrheit zu formulieren (Es gibt keine absoluten Wahrheiten! Basta!), dann sind die Punkte A – E jetzt feiner ziseliert und abgerundeter (was ja schon wieder ein Widerspruch in sich selbst ist 😉 )

    Und sie sind in schönem Einklang mit der Netzarchitektur von SMUOS/C3P 😉

  10. nik sagt:

    Hey, ihr diskutierts dieses Thema ohne mich!?

    Ad „an die Gesetze der Logik muss man auch glauben“: Ich bitte um Alternativvorschläge, würde mich interessieren!
    Falls nicht möglich, schlage ich vor, wir akzeptieren, dass diese Gesetze in unserem Denken im Lauf der Evolution (dieses Argument kommt bei mir öfter) aufgrund der Überlebenstauglichkeit verankert wurden, was dafür spricht, dass sie vielleicht nicht ganz falsch sind. Ändern können wir sie offenbar nicht, also ist die Alternative dazu, mit dem Denken, Reden, Schreiben, Predigen und Posten ganz aufzuhören -> the end!

    Falls wir das nicht tun, haben wir sie akzeptiert – hätten wir aber nicht müssen.

    Ähnliches gilt für den Einwand, dass sich Wahrheit auf Aussagen bezieht und diese auf Sprache beruhen. Wenn wir meinen, die damit verbundenen Beschränkungen, Unschärfen, Unsicherheiten und Abhängigkeiten nicht akzeptieren zu können, führt auch dies zum Ende (je)der Diskussion.

    Zu beiden Fällen ist anzumerken, dass diese Schlußfolgerungen nicht ganz konsistet wären, weil sie ja selbst auf Logik, Denken und Sprache beruhen, die man in der Konsequenz jedoch ablehnt. Konsequenter Weise müsste man zumindest immer die Logik mit über Bord werfen, damit auch dieser Einwand keine Basis mehr hat und es halbwegs stimmig ist, weil es eh unlogisch sein darf.

    Dass es „gleichwertig subjektiv wahr“ ist, ob ein Brot kein Brot ist, finde ich schlicht provokant und ich kann mich – Überraschung!! – dieser Sicht natürlich nicht anschließen. Tut was ihr wollt; wenn man mich fragt, sage ich, es ist Quatsch, aber jeder hat das Recht, es zu glauben. Und dieser Quatsch sollte unter keinem Quargelsturz stehen, obwohl das Bild gar nicht schlecht ist. Jedenfalls gibt es deswegen keinen Krieg! Pazifismus, Menschenrechte, Humanismus, Toleranz und friedlicher Pluralismus bedingen ja nicht, dass man auch jeden beliebigen Unsinn als wahr anerkennen oder sich überhaupt irgendwie damit beschäftigen müsste. Im übrigen stehen religiöse „Werte“ und „Aussagen“ ja oft in latentem Widerspruch zu den genannten aufklärerischen Toleranzwerten, die von den religiösen Proponenten jedoch witziger Weise sehr gerne für sich und ihre Lehren in Anspruch genommen werden.

    Dass die empirische Methode kritisierbar ist sollte ehrlicher Weise nicht dazu missbraucht werden, um hier anti-empirische Auswüchse zu verherrlichen. Das wäre zu billig und ich glaube, dass wir die Klarheit dieser Unterscheidung auch den nachfolgenden Generationen Schulden,

    meint Nik

  11. Kardinal Novize Igor sagt:

    @Nik:

    Nur ein paar kleine Einwürfe:

    1) ad:“Ähnliches gilt für den Einwand, dass sich Wahrheit auf Aussagen bezieht und diese auf Sprache beruhen“ -Umgekehrt! Aussagen beziehen sich doch auf Wahrheit! Insofern scheint es mir unproblematisch zu sein, mit allfälligen Unschärfen zu leben….

    2) ad: „Im übrigen stehen religiöse “Werte” und “Aussagen” ja oft in latentem Widerspruch zu den genannten aufklärerischen Toleranzwerten“ – der Oberaufklärer Immanuel Kant schrieb seine „Kritik der reinen Vernunft“, damit „Materialism, Fatalism, Atheism….die Wurzel abgeschnitten werden“ (Vorrede zur zweiten Auflage, April 1787).

    Lustig also, dass sich ausgerechnet Atheisten als Apologeten der Aufklärung betrachten…aber gut vermutlich braucht jede Religion, auch der Atheismus, etwas, worauf er ein bissi stolz sein kann *grins*!

    3) Definiere Brot!

    LG KNI

  12. Yeti sagt:

    ad 1) ich meine, hier muss man zuerst den Begriff der Wahrheit klar herausarbeiten („Was ist Wahrheit“ hat ja schon Pontius Pilatus gefragt, und das nicht ganz zu unrecht).

    Meint man eine „absolute Wahrheit“, also ein „Sein“, welches unabhängig von uns Menschen existiert (also so etwas ähnliches, wie ich es mit dem Begriff „objektive Wirklichkeit“ beschreibe), dann kann es Sätze geben, die sich auf diese absolute Wahrheit beziehen.

    Meint man die „Wahrheitseigenschaft“ eines Satzes, also jenes Bit, welches ein Empfänger einem Satz zuordnet, indem er die empfangene Botschaft validiert, bevor er sie den höheren Protokollschichten zur Verarbeitung weiterleitet bzw. eben im Falsifikationsfall verwirft, dann bezieht sich die „Wahrheitseigenschaft“ immer auf einen Satz, und zwar relativ zu einem Sender bzw. Empfänger.

    Ein Sender kann einen Satz für wahr halten, kann sich dabei aber irren, und ein richtig tickender Empfänger wird diesen Satz dann als falschen Satz enttarnen, es kann aber auch ein Sender bewußt lügen, und ein Empfänger könnte den Satz trotzdem glauben. In beiden Fällen hat die Wahrheitseigenschaft im Sender einen anderen Wert als im Empfänger.

    Ob der Satz aber absolut, also objektiv wahr ist, das weiß nur Gott.

    Meint
    Euer Christoph

  13. Yeti sagt:

    @Nik

    Ob jetzt ein Objekt (was ist ein Objekt? Ist das eine Menge von Molekülen? Oder eine Ansammlung von Methoden und Attributen? Oder „etwas, das einen Namen hat“?) etwas „ist“ oder nicht, das ist eine vielschichtige Angelegenheit.

    Ein Physiker sieht ein bestimmtes Muster auf einer Detektor-Auswertung, und er sagt: das „ist“ jetzt ein Positron.

    Nein, ist es nicht. Es ist ein Artefakt, welches dadurch verursacht worden ist, dass „da etwas war“, das ein Physiker als Positron bezeichnet, und was „mit der Beobachtungsapparatur interagiert hat“.

    Und wenn eine Mehrheit von Physikern die Ursache für „solch ein Artefakt“ als Positron bezeichnet, dann „ist“ es ein Positron.

    Doch der Vergleich hinkt.

    Ich versuche einen besseren Vergleich.

    Wie wäre es mit einem Kuss?

    Das „ist“ objektiv ein Kuss. Und trotzdem können beide „Kussteilnehmer“ den Kuss anders interpretieren. Für sie ist’s vielleicht de facto ein Heiratsantrag, für ihn ist es eine Trophäe mehr.

    Natürlich, auch dieser Vergleich hinkt.

    Aber der Kuss ist in diesem Beispiel eigentlich alles. Ein (objektiver) Kuss, ein (subjektiver) Heiratsantrag und eine (subjektive) Trophäe.

    Und wenn es genügend viele Menschen gibt, die einen Kuss als Heiratsantrag interpretieren, dann „ist“ es letztlich ein Heiratsantrag.

    Meint
    Euer Christoph

  14. Kardinal Novize Igor sagt:

    @Yeti

    Küss mich, Baby! *ggggg*

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