Vom Bösen – drittes Kapitel

Ohne Wahrheit kein Gut und kein Böse

Der Idealismus leugnet die Realität und mithin die Wahrheit.

Und gerade deswegen ist der Idealismus die Wurzel des Relativismus.

Wie meine ich das?

Nun, in den Büchlein „über die Wahrheit“, „von der Erkenntnis“, „vom Großen und vom Ganzen“ und „über die Realität“ haben wir mühevoll die Sätze A bis E entwickelt.

Die ersten beiden Sätze – A und B – lauten:

  • Satz A) Ich glaube an eine Wirklichkeit / Wahrheit. Die Wirklichkeit / Wahrheit existiert auch ohne mich. Sie läßt sich nicht absolut erfassen.
  • Satz B) Es gibt verschiedene interaktive Modelle der einen Wirklichkeit / Wahrheit, die mehr oder weniger zutreffen. Sowohl die Wirklichkeit / Wahrheit ist interaktiv, als auch die Modelle.

 
Wenn man mir vorwirft, dass ich mit der Behauptung, wir alle bewohnten nur subjektive Modelle der Wirklichkeit, dem Relativismus vorschub geleistet hätte, dann irrt man sich.

Denn im Satz A habe ich geschrieben, dass es eine – eine einzige – Wirklichkeit / Wahrheit ist, an die ich glaube.

Denn so subjektiv die Modelle sein mögen, die wir bewohnen, so objektiv ist die Wirklichkeit / Wahrheit, die es eben nur einmal gibt – ein für allemal.

Nur Leute, die davon ausgehen, dass Gott eine Phantasiefigur sei, können behaupten, dass alle Religionen gleich gut seien.

Denn wenn es Gott wirklich gibt, dann wird es eben Gottesmodelle geben, die näher an der Wirklichkeit sind, und Gottesmodelle, die weiter von der Wirklichkeit entfernt sind.

Manche Religionen werden uns helfen, ein gutes Leben zu führen, andere Religionen werden dabei eher hinderlich sein.

Und so ist es die Wirklichkeit selbst, die uns den Maßstab gibt um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte, darüber kann man streiten.

Und man kann auch darüber streiten, wer daran schuld ist, dass es soweit kommen konnte.

Aber dass der Nationalsozialismus in seiner Gesamtheit böse Auswirkungen hatte, darüber kann man nicht streiten. Das ist evident.

Millionen Tote, Verstümmelte und Misshandelte geben ein klares Votum, dass der Nationalsozialismus etwas Böses war.

Aber woran erkennen wir das neue Böse, das am Horizont heraufzieht?

Welche Maßstäbe sollen wir anlegen?

Wird es von rechts kommen oder von links?

Fragen über Fragen
Meint
Euer Christoph

23 Responses to Vom Bösen – drittes Kapitel

  1. Kardinal Novize Igor sagt:

    Sehr gut – und auch elegant- formuliert!

    An den Früchten werdet ihr sie erkennen….
    …..auch mir scheint, als seien Tage der Entscheidung gekommen; wir werden den Frieden Christi brauchen (den die Welt nicht gibt…)

    ….zwei Dinge weiß ich:

    Erstens: auf Basis von Rache, Gewalt, äußeren Machtgelüsten und Lüge wird niemals eine intelligente Gesellschaft entstehen können, auch wenn diese tierischen, teuflischen Triebfedern fürderhand „mehr Erfolg haben.

    Zweitens: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser)

    Wir müssen Geduld haben und standhaft sein…

    LG KNI

  2. Kardinal Novize Igor sagt:

    Ich hab gute Lust, mehr darüber zu schreiben —
    aber erst mal der Osterfriede…

    PS.: Täuscht mich das Gefühl, du hättest diesen Artikel gegen einen „unsichtbaren Gegner geschrieben“?

    LG KNI

  3. Kardinal Novize Igor sagt:

    eine Frage hätt ich noch zu: Der Idealismus leugnet die Realität und mithin die Wahrheit.

    Ich hätte den Idealismus als die jene Philosophie definiert, die auf der Suche nach der (höchsten) Wahrheit ist, insofern er diese Realität als Teil der höchsten Wahrheit sehen kann?

    LG KNI

    • Yeti sagt:

      Hmmmmmm, ich habe da jetzt in der Wikipedia nachgelesen und habe folgende Sätze gefunden:

      […]Wolff gebraucht „Idealismus“ als „Veto gegen materialistische Konzeptionen“.[6] Der „Idealist“ hält beispielsweise die Realität der Seele als nicht-materiellem Objekt fest. Andererseits verneint der „Idealist“ im Begriffsgebrauch von Wolff, Leibniz und Moses Mendelssohn, dass eine objektive Ding- und Körperwelt existiere. So gebraucht Mendelssohn „Idealismus“ als Gegenbegriff zu „Dualismus“ und charakterisiert Ersteren:

      „Der Anhänger des Idealismus hält alle Phänomena unsrer Sinne für Akzidenzen des menschlichen Geistes, und glaubt nicht, dass außerhalb desselben ein materielles Urbild anzutreffen sei, dem sie als Beschaffenheiten zukommen.“– Morgenstunden oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes (1785) I,7.[7] […]

      Es scheint so, dass sich da die Philosophen nicht einig sind (wo sind sie sich schon einig ? 🙂 )

      Aber ich werde das so umformulieren: „in der konsequentesten Auslegung des Idealismus – den manche als Solipsismus bezeichnen – gibt es keine objektive Realität und – wie ich meine – auch keine objektive Wahrheit.

      Denn wenn eine Wahrheit nicht real wäre, dann wäre sie der subjektiven Interpretation der menschlichen Erkenntnis unterworfen, und eben nicht realiter existent.

      Wenn ich hingegen davon ausgehe, dass Wahrheit existiert, dann ist sie nicht der menschlichen Erkenntnis unterworfen, was der Grundannahme des Idealismus widerspricht, dass der Geist alles beherrsche (also auch die Wahrheit).

  4. Kardinal Novize Igor sagt:

    ….mit solipsismus ist es jedenfalls eindeutig.

    LG KNI

  5. Kardinal Novize Igor sagt:

    …..freilich wird die Sache wieder verworrener, wenn man Kants „Ding an sich“ einbezieht.

    Man könnte aber auch die irdische, materielle Realität als „relativ“ einschätzen, jedoch die über-irdische, geistige „göttliche“ als absolut — handelt es sich dann um einen Idealisten oder um einen Realisten?

    LG KNI

    • Yeti sagt:

      relativ heisst „auf etwas bezogen“ und absolut heisst „von allem losgelöst“.

      Ich würde nicht alles Geistige (Geistliche) als absolut bezeichnen, denn der Geist kann von der Materie beeinflusst werden (wie jeder Kiffer weiss 🙂 ).

      Es könnte auch sein, dass Materie/Energie ewig existiert, denn soviel ich weiss, kann die Theorie vom Urknall noch nicht erklären, wo die Energie hergekommen ist.

      Und seit der Gleichung E=mc^2 wissen wir, dass Energie nichts Geistiges ist, sondern etwas Materielles.

      Lg

      • Kardinal Novize Igor sagt:

        Tjaaa, das ist halt die Frage: redest du vom Geistigen als „idente“ Realität, potentielle Realität oder subjektive Realität?

        LG KNI

      • Yeti sagt:

        „absolut“ oder „relativ“ ist eine andere Kategorie als „ident“, „potentiell“ und „subjektiv“.

        Ich glaube, es gibt geistige Realitäten in allen 6 Arten:

        absolut und ident
        relativ und ident
        absolut und potentiell
        relativ und potentiell
        absolut und subjektiv
        relativ und subjektiv

        Habe jetzt aber auf die Schnelle keine Beispiele

      • Kardinal Novize Igor sagt:

        ich glaube, dass „relativ“ und „ident“ eine contradictio in adjectio darstellt — das solltest du überprüfen.

        worauf ich hinaus will: kann es nicht auch Menschen geben, die zwar die materielle Welt als Relatives, zb. vom Beobachter abhängiges (zbb. Quantenmechanik) betrachten, aber die geistige Welt als Absolutes, das alles wieder in eins zusammenführt?

        Und sind das dann Realisten oder Idealisten?

        LG, Frohe Ostern!

  6. Kardinal Novize Igor sagt:

    Bei weiterem Durchdenken scheint mir die Diskussion über „Wirklichkeit/Realität“ dann abkürzbar, wenn man zwischen Wirklichkeit (das sinnlich erfassbare) und Wahrheit (Wirklichkeit plus das göttlich-unerfassbare) unterscheidet.

    LG KNI

    • Yeti sagt:

      Ja, scheint eine brauchbare Klassifizierung zu sein. Wie Du weisst, hatte ich vorgeschlagen, zwischen identer Realität (alles, was MIT SICH SELBST IDENT ist, das schließt das göttliche mit ein), potentieller Realität (das ist das, was ein bestimmter Mensch PRINZIPIELL ERKENNEN KÖNNTE) und subjektiver Realität (das ist das Modell im Kopf des Menschen) zu unterscheiden.

      Dein Begriff „Wirklichkeit“ würde also meinem Begriff „potentielle Realität“ entsprechen und Dein Begriff „Wahrheit“ würde meinem Begriff „idente Realität“ entsprechen

      Lg

  7. Kardinal Novize Igor sagt:

    genau, dann müsste man fragen, wie es sich im Idealismus mit der identen Realität verhält…

    LG KNI

  8. Yeti sagt:

    @KNI: ich versuche jetzt,folgende Einwände zu beantworten.

    a) die Begriffe „relativ“e Realität und „ident“e Realität widersprächen einander

    b) Ist ein Mensch, der glaubt, dass es materielle Realität UND geistige Realität gebe und dass die materielle Realität von der geistigen Realität abhängig sei, die geistige jedoch nicht von der materiellen, ein Idealist oder ein Materialist

    Zuerst zur Frage b), die ist leichter zu beantworten: So ein Mensch ist meiner Meinung eher ins idealistische Lager einzuordnen, wenn wir schon dem Lagerdenken frönen wollen 🙂

    ad a) Da will ich an zwei Beispielen klar machen, was ich meine.

    Erstens an einer materiellen Realität, nämlich „mein Auto“, und zweitens an einer geistigen Realität, nämlich „Darth Vader“.

    Erste Frage: Handelt es sich bei „mein Auto“ um eine Realität?

    Laut Kant ja, denn das „Auto an sich“ existiert auch ohne mein Zutun und es bleibt immer „dieses Auto“, von seiner Erschaffung bis zu seiner Zerstörung (die Problematik der möglichen identitätszerstörenden Wirkung von Ersatzteilen möchte ich da jetzt mal aussen vor lassen).

    Zweite Frage: Ist „Darth Vader“ eine Realität?

    Ja, meiner Meinung nach ja, denn der Begriff „Darth Vader“ wird weiter existieren, noch lange nachdem George Lucas gestorben sein wird (was noch lange nicht der Fall sein soll).

    Dritte Frage: Handelt es sich dabei um „idente“ Realitäten?

    Ist „dieses Auto“ immer „dieses Auto“? (Das Auto „an sich“)
    Ich glaube ja.

    Ist „Darth Vader“ immer „Darth Vader“, gibt es „Darth Vader an sich“ als einen Begriff?
    Ich glaube ja, denn der Begriff „Darth Vader“ hat den „Sprung in die Wirklichkeit“ meiner Meinung bereits geschafft.

    Vierte Frage: Handelt es sich dabei um relative Realitäten?

    Selbstverständlich. Es ist jederzeit denkbar, dass an der Figur Darth Vader Änderungen vorgenommen werden (zum Beispiel könnte er ein drittes Kind „bekommen“ 🙂 ).

    Und ich kann an meinem Auto jederzeit Änderungen vornehmen. Ich kann andere Sitze kaufen, einen Fuchsschwanz montieren oder das Auto tieferlegen lassen.

    Q.e.d.

  9. Novize Igor sagt:

    Die Frage ist, was wir mit „geistige Realität“ meinen. Ist Darth Vader eine solche? Sagen wir zb. Donald Duck, nach deiner Definition auch eine geistige Realität, wird mit einem längeren Schnabel gezeichnet und die Kinder gewöhnen sich daran. Ist das dann für einen Alten Donald-Fan noch der selbe?

    • Yeti sagt:

      Mit einer „geistigen Realität“ meine ich einen „menschlichen Gedanken, der sich verselbständigt hat“.

      Manche Leute sagen Meme dazu.

      Das könnte der „Sinn“ sein, der in einer Software „steckt“ und auch von anderen Programmierern verstanden werden kann.

      Das könnte „der Marxismus“ sein, der auch nach Karl Marx weiterlebt.

      Das könnte eine Märchenfigur sein, die zum Allgemeingut geworden ist (zum Beispiel Aschenputtel).

      Gott würde ich zum Beispiel weder in die Kategorie „geistig“ noch in die Kategorie „materiell“ einordnen. Diese beiden Kategorien sind zu eng für die Dreifaltigkeit.

  10. Novize Igor sagt:

    Deine Ableitung stimmt also nur, wenn Darth Vader, Donald Duck etc tatsächlich geistige Realitäten sind. Aber sind sie das? Die Comicfiguren an sich sind es nicht, denn die sind physisch gezeichnet. Sind es deren Vorstellungen? Vorstellungen generiert aber das Gehirn. Und das ist ein physischer Vorgang.
    Inwiefern also können wir die Begriffe Donald Duck oder Darth Vader etc der geistigen Sphäre zuordnen, und wo ist die Schnittstelle?
    LG!

  11. Yeti sagt:

    Ich glaube, Du solltest zuerst einmal definieren, was Geist ist und was Materie.

    Ich verwende für die Realität absichtlich den Doppelbegriff „Wirklichkeit / Wahrheit“, weil ich vorerst einmal nicht auf den Unterschied zwischen Geist und Materie und was es sonst noch alles geben könnte eingehen will.

    Ich definiere die Realität als die Menge aller Objekte, die mit sich selbst ident sind. Durch die Verwendung des Begriffes „Objekt“ unterstelle ich der Realität, dass sie prinzipiell der menschlichen Erkenntnis zugänglich ist.

    Wenn Du dieser Definition folgen willst, dann kannst Du basierend auf dieser Definition gerne definieren, was „geistig“ ist und was „materiell“.

    Ich würde pragmatisch vorschlagen, alles, was sich mit der Schrödingergleichung beschreiben lässt, als Materie/Energie zu bezeichnen, und den Rest dann als „Geistiges“ zu bezeichnen.

    Was meinst Du?

  12. Kardinal Novize Igor sagt:

    „Ich würde pragmatisch vorschlagen, alles, was sich mit der Schrödingergleichung beschreiben lässt, als Materie/Energie zu bezeichnen, und den Rest dann als „Geistiges“ zu bezeichnen.

    Was meinst Du?“

    Haha!, ja, einverstanden, aber nehmen wir besser die Dirac-Gleichung, da ist die RT noch enthalten! Und das Licht lassen wir mal aussen vor.

    Meine Definition des Geistigen ist eine sehr enge; mithin Glaubenssache, also das Über-Physische.

    In diesem Sinne meinte ich auch, dass ein Idealist möglicherweise diese Welt als ein „Gleichnis“ für die höhere Welt auffassen könnte, ohne derethalben ein Relativist zu sein, weil er das Geistige als eine absolute Größe sieht.

    Inwiefern nun diese Welt ein Gleichnis darstellt und worauf sie verweist, wird nun von jedem Menschen unterschiedlich ausgelegt werden, in Abhängigkeit von seiner Weltanschauung, seiner Erziehung, seines Charakters……

    Wer freilich beides: Wirklichkeit UND Wahrheit, als ein solches Gleichnis und als vom Beobachter abhängig betrachtet, der ist tatsächlich ein Relativist, einer, der sich seinen Gott selber formt.

    Denn ein Gleichnis ist ja nichts anderes (etwa in den Evangelien), als der Versuch, das Geistige durch Materielles (der „Sämann“, „das Gefäß und die Kerze“. der „Weinberg“…. ) auszudrücken. Es geht von der Vorläufigkeit all dieser Dinge aus.

    Wer nun Gott selbst zu „seinem“ Gleichnis macht, stellt Ihn unter sich und macht ihn zu etwas vorläufigem.

    Meister Eckehart hat es so auf den Punkt gebracht: „An einem bloß gedachten Gott hat niemand Genüge.“

    Ich denke, da wären noch ein paar Punkte drin, die in „vom Bösen“ einige interessante Anhaltspunkte liefern könnten,

    LG KNI

    • Yeti sagt:

      Ich glaube, der Knackpunkt ist, dass man „das Geistige“ auch ausserhalb des Menschen sehen kann. Der Begriff „Über-Physisch“ oder „Über-Physikalisch“ drückt das eh sehr gut aus.

      Lass mich aber noch ergänzen:

      Dass nicht nur der Mensch Geist besitzt, das ist zwar aus menschlicher Sicht nur eine Extrapolation, aber sie ist naheliegend.

      Wenn man NUR dem Menschen Geist zuordnet UND das Geistige als einzig Existentes betrachtet, DANN ist man Relativist, weil man alles dem menschlichen Beobachter unterordnet.

      Wenn man hingegen ein absolutes Geistiges ausserhalb des Menschen annimmt, dann ist man natürlich kein Relativist.

      Aber ich weiss nicht, ob sich der Idealismus mit solchen „externen“ Geistern beschäftigt. Das ist dann – glaube ich – eher Metaphysik.

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