Der „Zerfall in die Einzelwissenschaften“

Will nicht ein jeder Mensch die gesamte Wirklichkeit verstehen?

Und tritt nicht jede Wissenschaft an, das gesamte Universum inklusive Gott zu erklären?

Oft wird dann der „Zerfall in die Einzelwissenschaften“ bejammert, und dass Leibniz leider, leider, der letzte Universalwissenschaftler war, der das gesamte Wissen seiner Zeit in einer Person vereinigte.

Und steckt hinter diesen Jammereien nicht wieder nur die alte Hybris des Menschen, dass man glaubt, man könne ohne die anderen auskommen?

Europa könne ohne Griechenland auskommen?

Griechenland könne ohne Europa auskommen?

Wir könnten ohne die Zuwanderer auskommen?

Wir könnten ohne die Armen auskommen, ohne die Entrechteten und Enteigneten?

Die Arbeiterklasse könnte ohne Manager und Direktoren auskommen?

Die Eigentümer könnten ohne Arbeiter auskommen (die manchmal als „menschliches Schüttgut“ bezeichnet werden)?

Folgt nicht aus der Erkenntnis der eigenen Schwäche die Hybris, in einer Gruppe seien wir stark?

Folgt nicht aus der Erkenntnis der eigenen Stärke eine gewisse Demut, da wir erkennen, wie wenig wir vermögen, OBWOHL wir doch stark sind?

Wenn ein Naturwissenschaftler argumentiert, dann argumentiert er naturwissenschaftlich.

Wenn ein Philosoph argumentiert, dann argumentiert er philosophisch.

Jeder glaubt, seine Argumentation sei „die richtige“.

Aber wer entscheidet, was richtig ist?

Letzten Endes die Mehrheit.

Meint
Euer Christoph

14 Responses to Der „Zerfall in die Einzelwissenschaften“

  1. Kardinal Novize Igor sagt:

    Im Grund argumentiere ich nicht „naturwissenschaftlich“ oder „philosophisch“, sondern „ichisch“.

    Weil: Nur im „Ich“ kenn ich mich aus.

    Möglicherweise nicht mal da.

    Aber zumindest so gut, dass ich mit der Ichwissenschaft argumentieren kann. Das trifft dann aber (zum Glück) wohl auch auf jeden Menschen zu.

    Du sprichst von dem Recht der Mehrheit. Möglicherweise gehts nicht nur um jene „äußere“ Mehrheit der anderen, sondern auch um eine „innere Mehrheit“

    Weil: Vielleicht ist ja mein „ich“ gar nicht so intim, wie man immer glaubt? Vielleicht bestehen wir auch im Inneren aus aus einer Art Meinungsmasse.

    Und wo sich in mir diese Masse bildet, und wo diese Masse (vielleicht wie bei einer Demo), irgend hinwandert, dort hat mein „Ich“ dann seine Bleibe, die sich durch eine bestimmte Einstellung, bestenfalls Weltsicht, äußert.

    Dann bliebe diesen Ichmassen, diesen Ichgewerkschaften, Ichparteien, Ichinteressensgruppen, Ichurlaubern, Ichparlamentariern, Icharmeen, Ichzünften, Ichindustrien,

    kurz, diesem Gewurle, diesem Pöbel, (Ichpöbel) nur, sich der Mehrheit zu beugen.

    Mag sein, dass es dann darum geht, dem Ichpöbel die Mehrheit nicht zu überlassen, oder aber den Pöbel richtig zu lenken durch das Gewissen, welches (so wärs wenigstens für meine Ichmassen, glaube ich, wünschenswert), sich nicht aus Ichpolizisten zusammenstellt, sondern eher durch Ichzwischenrufer, Ichgrübler (auch die sind eine Masse), die hie und da wo sitzen,

    das Marschieren und Marodieren umdeuten in eine Art Pilgern,

    hinauf vielleicht auf den Kahlenberg

    oder nein, noch lieber, hinauf zur Waldkapelle oben in Salmannsdorf….

    LG KNI

  2. Yeti sagt:

    Stimmt, letzten Endes argumentiert jeder Ichisch.

    Und wir brauchen uns gar nicht zu wundern, dass wir einander trotzdem gegenseitig verstehen.

    Denn hat nicht das größte Wunder bereits stattgefunden, als uns unsere Mutter die Sprache an sich beibrachte?

    Das wir überhaupt miteinander kommunizieren können, obwohl wir ursprünglich nur kleine Babies waren?

    Können wir zurückfinden zu dieser „Ursprache“, die uns allen in die Wiege gelegt ist?

    Meint
    Euer Christoph

    • rotegraefin sagt:

      Ja natürlich, kannst Du dahin zurückfinden.
      Du brauchst Dich nur auf den Rücken zu legen.Beine und Arme nach oben strecken und ganz sehnsüchtig: „Komm, komm, komm!“ rufen. Circa eine halbe Stunde lang. Dann bist Du sehr nahe an dem Gefühl, welches ein Säugling hat.
      Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder!

  3. hansarandt sagt:

    Dein Artikel gefällt mir gut und ich stimme Dir zu. Sicher müssen wir nicht alles verstehen und ganz sicher können wir nicht alles verstehen, auch Leibniz konnte das nicht. Trotzdem mag ich solche Leute wie Goethe oder Hegel, die versuchen das Ganze zu verstehen. Und ich denke um diese Frage, um diesen Versuch das Ganze irgendwie verstehen zu wollen, die „Frage nach dem Leben, dem Universum und Allem“ (42). Die Frage nach dem Sinn und dem Unsinn unserer Existenz nach dem Ursprung, der Ursache und dem Anfang und die Frage nach dem Geheimnis des Todes betreffen uns alle und jeden einzelnen, egal ob er oder sie Wissenschaftler, Bauer, Bettler, Vater Mutter oder Kind ist.

  4. Kardinal Novize Igor sagt:

    @Yeti

    Gibt es eine Ursprache?

    Vielleicht kennst du das Experiment Friedrichs II, der Kinder, um die Ursprache zu eruieren, ohne selbige aufwachsen ließ: man wollte herausfinden, welche Sprache sie „von selber“ sprechen würden.

    Ergebnis: Die Kinder sind gestorben.
    Ich würde es so sagen: Zu Sprechen ist ein Urgrund des Menschen, aber eine Ursprache gibt es nicht.

    „Ursprache“ wäre für mich demnach ein Kommunizieren-Wollen.

    LG KNI

    • hansarandt sagt:

      Ich bin voll deiner Meinung. Gadamer sagte einmal die Sprache ist das Gespräch. Sie entwickelt sich im Sprechen und ist auf den Gesprächspartner angewiesen. Deshalb ist die Ursprache die Muttersprache. Wenn die Mutter weglasse, ist da auch kein Gesspräch und deshalb auch keine Sprache. Wenn dieser Friedrich verstanden hätte, was die Sprache ist, hätten diese Kinder diesem Gott der vermeintlichen Wissenschaft nicht geopfert werden müssen.

    • Yeti sagt:

      Ja, und die Ursprache wäre ein gewisses „Frage-und-Antwort Spiel“ und ganz gewiss würde ein wesentlicher Teil daraus bestehen, aus dem „Rauschen des Alltags“ die Antwort herauszufiltern, die sich auf meine Frage bezieht.

      Also, eine Korrelation von Frage und Antwort aufgrund von Mustererkennung.

  5. Kardinal Novize Igor sagt:

    @hansarandt:

    Da muss ich dir recht geben. Wenn man Geisteswissenschafter ein Experiment durchführen lässt, muss ja eine Katastrophe heraus kommen. Sie haben einfach zu wenig Praxis.

    LG KNI

  6. hansarandt sagt:

    Das war nur eine ironische Antwort auf Deine Feststellung, dass die Theologen offensichtlich nicht dazu in der Lage sind, „weil sie zu wenig Praxis“ haben. Ich habe daraus geschlossen, dass du die Naturwissenschaftler dafür geeigneter hälst. Aber vielleicht willst du ja gar nicht, dass irgendjemand die Welt rettet sdondern nur….?!

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